Sonntag, 24. Juni 2018

[Rezension] Thunder. Donner meines Herzens - Laini Otis





Titel: Thunder. Donner meines Herzens
Autorin: Laini Otis
Verlag: Impress
Seitenzahl: 310
ISBN: 
978-3-646-60436-8






Doch manches konnte man einfach nicht aufhalten. Manches setzte sich mit einer brachialen Gewalt durch, egal wie vorsichtig man war. Wie stark. Oder vorbereitet. Gut geplant. Clever mitdenkend. Die Wahrheit ist: Das Schicksal trifft jeden.

(S. 161)



Lula ist traumatisiert und verliert immer öfters den Boden unter den Füssen, was ihr panische Angst macht. Bei Fayn wurde eine Depersonalisationsstörung diagnostiziert - Gefühle sind ihm komplett fremd. Als Kinder begegnen sie sich in einem Sommercamp und finden ineinander einen Freund fürs Leben, Halt und die so dringend benötigte Sicherheit. Jahr für Jahr wollen sie wieder zueinander finden, doch ihr Umfeld legt ihnen Steine in den Weg. Und kurz vor dem Erwachsenwerden ändert sowieso noch viel... oder?

Ich kenne Laini Otis unter dem Pseudonym Cat Dylan, unter dem sie fantastische Geschichten veröffentlicht. Da mir ihr Schreibstil in der "Call it Magic"-Reihe schon gefallen hat und mir nach einer bittersüssen Liebesgeschichte war, habe ich nach "Thunder. Donner meines Herzens" gegriffen. Und ja, ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schreibstil noch von der Geschichte oder von sonstwas.

Lula wurde als Kleinkind fallen gelassen und hat seither panische Angst davor, dass ihre Füsse den Halt auf dem Boden verlieren. Die anderen Kinder grenzen sie aus, nennen sie "Poporutscher". Erst als sie in einem Sommercamp auf Fayn trifft, entdeckt sie, was wahre Freundschaft ist. Denn Fayn ist auch "anders", er kann keine Emotionen spüren geschweige denn, sie einordnen. Fortan sind die beiden so oft zusammen, wie nur möglich. Aber vor allem Lulas Eltern ist der Kontakt ein Dorn im Auge. Und auch die Tatsache, dass es auf dem College doch anders läuft, als geahnt, treibt einen Keil zwischen die beiden. 

Die Geschichte um die beiden Protagonisten ist geschickt aufgebaut: Abwechslungsweise kommt ein Kapitel von früher, und danach eines in der Gegenwart. Die Abschnitte aus der Vergangenheit beginnen mit der Jahreszahl und einer kurzen Zusammenfassung, die mich immer zum Schmunzeln gebracht hat. Und sowohl Lula als auch Fayn kommen zu Wort. Damit schafft es die Autorin, dass der Leser einen einzigartigen Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten erhält und auch ihre Entwicklung, ihre Vergangenheit begreift. Für mich war dieser Aufbau der Geschichte einfach das Nonplusultra, anders oder besser hätte ich es mir gar nicht wünschen können.

[...] Weil meine Besonderheit eine Behinderung war, mit der ich lernen musste zu leben. Sie würde nicht verschwinden. Konnte sie gar nicht. [...]
Ich hatte das begriffen.
Mein Umfeld nicht.

(S. 13)


Mit Lula und Fayn haben zwei wunderbare und vor allem unglaublich wichtige Protagonisten das Licht der Buchwelt erblickt. Denn beide sind "beeinträchtigt". "Anders". Oder in ihren eigenen Worten sogar "behindert". Und genau das ist es, was die Geschichte so wunderbar vermittelt und weshalb sie so wichtig ist. Egal, mit welchem Ballast man herumlaufen muss, wenn man einen Weg findet, glücklich zu sein, soll man den gehen. Die Meinung der anderen nicht beachten. Und normal und abnormal sind nur wüste Bezeichnungen, die eigentlich gar keine Bedeutung haben. Ich wünsche mir mehr Sensibilisierung auf dem Gebiet der psychischen Beeinträchtigungen und Krankheiten. Und der Autorin geht es offenbar nicht anders.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie wunderschön, bittersüss, unglaublich toll die Geschichte ist. Wie ein lauter Donner im Herzen. Wie verdammt wichtig mir das Buch ist. Ich wage zu behaupten, dass es mein Jahreshighlight wird. So viele Zitate habe ich schon lange nicht mehr markiert. So viel Augenwasser ist mir schon lange nicht mehr geflossen. Und doch ist mein Herz erfüllt von dieser Geschichte.

Lula und Fayn wachsen in Kalifornien auf. Das Setting ist hier nicht gross von Bedeutung, und dennoch sorgt es für diese ganz besondere Stimmung. Egal ob der Leser die beiden nun im Jugendcamp an der Küste begleitet, oder später in das College, man fühlt sich vor Ort und doch lässt das Setting der Handlung den Vorrang.

Mein "Lieblingsplatz" in der Geschichte ist das Zuhause von Fayn. Ausser dem Fuchsbau aus Harry Potter hatte ich noch nie den Wunsch, das Zuhause eines Protagonisten zu besuchen. Hier tue ich es. Ich möchte wirklich in dieses kleine Heim ziehen!

Lula, eigentlich Lucy-Lakin, erlitt als Kleinkind einen schweren Sturz und ist seither traumatisiert. Sie selber hat sich damit abgefunden, gelernt damit zu leben. Aber ihre Eltern machen ihr das Leben schwer. Ihr Vater hasst sie regelrecht, weil sie nicht "normal" ist, und ihre Mutter ist nicht viel besser, da sie einfach wegschaut. Natürlich hat sie mein Mitleid sofort bekommen. Aber Lula ist mehr als ein schwaches, verletzliches Ding. Sie ist eine Kämpfernatur, und was für eine!

Fayn hingegen ist stark. Und das lediglich aus dem Grund, dass er eine Depersonalisationsstörung hat und keine Gefühle und Emotionen kennt. Das sorgt mitunter für ein paar komische Situationen, da er unbewusst einen sehr trockenen Humor hat. Aber auch das ein oder andere Mal hat mir diese Tatsache Tränen in die Augen gedrückt. Fayn kämpft sich auf seine Art durchs Leben, manchmal sogar wortwörtlich, und er ist ganz anders als Lula. Und doch ist er mir ans Herz gewachsen und ich habe mit ihm gelitten.

"Lula?"
"Ja?", schniefte sie und hob den Kopf.
"Alles in mir fühlt sich so eng an. Als würde ich gleich keine Luft mehr bekommen. Was ist das?"
"Das ist Schmerz, Fayn. Genauso fühle ich im Herzen."
"Das ist ein Scheissgefühl."
"Ja. Das ist es."

(S. 36)


Neben den beiden Hauptprotagonisten lebt die Geschichte auch von ihren Nebencharakteren. Von unverständnisvollen Eltern, von liebevollen Eltern. Von Freunden, die sich abwenden, und von Freunden, die zu den beiden halten. Die Charaktere sind alle einfach perfekt in die Geschichte integriert und ohne sie wäre das Buch zwar immer noch ein Highlight, aber eben nicht mehr ganz das, was es ist.

Eine wunderschöne (Liebes-)Geschichte, die ihresgleichen sucht. Zwei kaputte und doch unglaublich starke Protagonisten, eine gemeinsame Vergangenheit, eine nicht einfache Entwicklung und unglaublich viel Liebe und Gefühl. Das Buch bekommt einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen und - sollte es als Taschenbuch erscheinen - in meinem Regal.



An dieser Stelle möchte ich mich noch ganz herzlich beim Verlag
für das Rezensionsexemplar bedanken!

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